Wer ich bin

Manch­mal, wenn ich mich im Spie­gel betrach­te, gehe ich ganz nah her­an, um mir in die Pupil­le zu sehen. Das Ers­te, was mir auf­fällt, ist, dass ich mitt­ler­wei­le schon ganz schön weit­sich­tig gewor­den bin. Nach­dem ich mir dann die Lese­bril­le auf­ge­zo­gen habe und wie­der in den Spie­gel bli­cke, sehe ich nur ein dunk­les Loch. Da ist nichts zu erken­nen.

In mei­ne Aus­weis steht, ich sei 1968 in Mann­heim gebo­ren und Deut­scher. Was habe ich mit Mann­heim am Hut? Ich war zwei Jah­re alt, als mei­ne Eltern die Stadt, in der mein Vater ein paar Jah­re gear­bei­tet hat, wie­der ver­las­sen haben, um nach Mül­heim, der Stadt an der Ruhr, zurück­zu­keh­ren.

1968 klingt nach Stu­den­ten­un­ru­hen, Revo­lu­ti­on und Rudi Dutsch­ke. So eine Bewe­gung, die an den Grund­mau­ern der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie und des Kapi­ta­lis­mus rüt­telt, wün­sche ich mir wie­der. Was wür­de ich dafür geben, end­lich in Euro­pa Räte-Demo­kra­ti­en, direk­te Demo­kra­tie und ein gerech­tes, nach­hal­ti­ges Wirt­schafts­sys­tem ohne Zwang zu ste­ti­gem Wachs­tum zu sehen.

Und ich bin deutsch. Oh Gott, bin ich deutsch: pedan­tisch, prin­zi­pi­en­rei­te­risch, recht­ha­be­risch, stur.

Erstaun­lich, was man aus einem Aus­weis alles her­aus­le­sen kann.

Als letz­tes schaue ich noch auf mei­ne Vita. In Aachen habe ich stu­diert. Ich war jung und wuss­te nicht, was ich mit mei­nem Leben anfan­gen soll­te. Mein Vater war Elek­tro­in­ge­nieur, mein Onkel Bau­in­ge­nieur. Ich woll­te etwas Krea­ti­ves machen und ent­schied mich für Maschi­nen­bau. Nach vier Jah­ren hat­te ich mich durch Fächer wie Dyna­mik, Maschi­nen­ele­men­te und Ther­modra­ma­tik gekämpft und war vor allen Din­gen eins: unend­lich gelang­weilt. So gelang­weilt, dass selbst das Berich­ten dar­über lang­wei­lig ist. Es folg­ten ein Stu­di­um der Phi­lo­so­phie, Geschich­te und Phy­sik in Köln sowie ein Stu­di­um der Bil­dungs­wis­sen­schaf­ten an der Fern­uni Hagen. Das klingt auch nicht span­nen­der. Daher las­se ich auch die gan­zen Jobs und Anstel­lun­gen, mit denen ich mein Leben finan­zier­te, an die­ser Stel­le weg. In mei­nen Geschich­ten schim­mert mei­ne Lebens­er­fah­rung eh durch.

Eine wirk­lich wich­ti­ge und span­nen­de Sta­ti­on in mei­nem Leben war hin­ge­gen die Ein­lei­tung einer Betriebs­rats­wahl in dem Cate­ring-Unter­neh­men, in dem ich wäh­rend mei­nes Phi­lo­so­phie-Stu­di­ums gear­bei­tet habe. Auf­grund des Mob­bings durch den Inha­ber und Geschäfts­füh­rer des Unter­neh­mens lern­te ich alle sie­ben Rich­ter des Arbeits­ge­rich­tes in Aachen ken­nen. Mir wur­de am eige­nen Leib bewusst, dass man die tat­säch­li­chen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se nicht in den Mas­sen­me­di­en erfährt, son­dern nur dann, wenn man sich selbst per­sön­lich ein­bringt und bei­spiels­wei­se gesetz­lich ver­brief­te demo­kra­ti­sche Rech­te durch­setzt.

Auch mei­ne spä­te Begeis­te­rung für das Klet­tern und Berg­stei­gen mit Mit­te 30 hat mein Leben ent­schei­dend ver­än­dert, da ich mich mei­nen Ängs­ten gestellt habe und mir danach mehr in mei­nem Leben zuge­traut habe als zuvor. Die ein­jäh­ri­ge Aus­zeit mit mei­ner dama­li­gen Freun­din und heu­ti­gen Frau, in der wir ein Jahr mit einem klapp­ri­gen Wohn­mo­bil durch Süd­ost­eu­ro­pa, Russ­land und Zen­tral­asi­en gereist sind, war eine Fol­ge davon. Die Abwei­chung des Russ­land­bil­des in den Medi­en von mei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen haben mich das ers­te Mal an der Wahr­haf­tig­keit der west­li­chen Mas­sen­me­di­en zwei­feln las­sen.

In den drei Jah­ren, die ich in Bra­si­li­en leb­te, habe ich den kal­ten Putsch und die Abset­zung der Arbei­ter­re­gie­rung unter Dil­ma Rouss­eff in der Haupt­stadt Bra­sí­lia haut­nah mit­er­le­ben dür­fen. Neben die­sem trau­ri­gen Ereig­nis hat­te ich jedoch auch die ein­ma­li­ge Gele­gen­heit, einer per­sön­li­che Ein­la­dung zu einem Fest von Indi­ge­nen in einem Reser­vat zu fol­gen. Die­se Begeg­nung mit dem “Urkom­mu­nis­mus” hat mei­ne Sicht auf unse­re Kul­tur stark ver­än­dert. Es erscheint mir auf­grund mei­ner Sozia­li­sa­ti­on nahe­zu unmög­lich, eine mensch­li­che Kul­tur zu ver­ste­hen, die mehr Wert auf All­ge­mein­gut und das gemein­sa­me Erle­ben des Hier und Jetzt legt als auf die Abar­bei­tung von Pro­jek­ten und die Erfül­lung indi­vi­du­el­ler Kon­sum­wün­sche. Trotz­dem exis­tiert eine sol­che Kul­tur mit­ten unter uns. Sie war höchst­wahr­schein­lich sogar über hun­dert­tau­sen­de Jah­re die vor­herr­schen­de Kul­tur, bis wir Men­schen sess­haft gewor­den sind. Wenn wir unse­ren Pla­ne­ten und unse­re Zivi­li­sa­ti­on ret­ten wol­len, dann liegt der Schlüs­sel dazu bei den Indi­ge­nen.

Die bis­her letz­te und wich­tigs­te Sta­ti­on war mei­ne Ent­schei­dung, ein Lebens­ziel aus mei­ner frü­hen Erwach­se­nen­zeit wahr zu machen und mein Leben der Schrift­stel­le­rei zu wid­men. Da ich mei­nen Geschich­ten einen rea­lis­ti­schen Hin­ter­grund ver­mit­teln will, recher­chie­re ich viel und inten­siv. Das letz­te Buch “Flucht aus Deutsch­land”, das in der unmit­tel­ba­ren Zukunft statt­fin­det, hat mich tief in die geo­po­li­ti­schen Inter­es­sen ins­be­son­de­re der west­li­chen Län­der und die zuge­hö­ri­ge Bericht­erstat­tung der Main­stream-Medi­en geführt.