Verkehrte Welt

Bes­ser als aktu­ell zum The­ma Krieg in der Ukrai­ne kann man das Wir­ken von Pro­pa­gan­da in den deut­schen Medi­en kaum stu­die­ren. Ins­be­son­de­re die Bericht­erstat­tung der Mas­sen­me­di­en zur Frie­dens­de­mons­tra­ti­on „Auf­stand für Frie­den“ am 25. Febru­ar 2023 ist voll von Tech­ni­ken der Pro­pa­gan­da und Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on. Zudem ist ein selt­sa­mer, gleich­ge­schal­tet anmu­ten­der ein­heit­li­cher Tenor in den Mel­dun­gen festzustellen.

Bevor in kon­kre­ten Bei­spie­len dar­ge­stellt wird, wel­che Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken von Medi­en wie ARD, ZDF, Spie­gel, Süd­deut­sche, Zeit, FAZ, Focus, Welt, taz und t‑online bei der Erst­be­richt­erstat­tung über die Ver­an­stal­tung „Auf­stand für Frie­den“ von Sahra Wagen­knecht und Ali­ce Schwar­zer ein­ge­setzt wur­den, erfolgt zunächst ein kur­zer Über­blick dar­über, was einen qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Jour­na­lis­mus aus­macht, sowie eine Defi­ni­ti­on von Manipulation.

Die zen­tra­len jour­na­lis­ti­schen Qua­li­täts­kri­te­ri­en Rich­tig­keit und Relevanz

Eine Beschrei­bung der zen­tra­len jour­na­lis­ti­schen Qua­li­täts­kri­te­ri­en fin­det sich bei­spiels­wei­se in Stud­lib oder im Wiki für Medi­en­wis­sen­schaft. Die Rich­tig­keit einer Bericht­erstat­tung wird gemes­sen an einer mög­lichst objek­ti­ven Dar­stel­lung der Ereig­nis­se, die sich bei­spiels­wei­se durch eine inter­sub­jek­ti­ve Nach­voll­zieh­bar­keit, also durch die Über­ein­stim­mung der Beob­ach­tun­gen ver­schie­de­ner Per­so­nen, über­prü­fen lässt. Mit die­ser For­mu­lie­rung wird dem Umstand Rech­nung getra­gen, dass „wir als Men­schen kei­nen Zugang zur objek­ti­ven, unab­hän­gig vom Erkennt­nis­sub­jekt exis­tie­ren­den Rea­li­tät oder Wahr­heit haben“ (sie­he Aus­füh­run­gen von Stud­lib zum Kri­te­ri­um Richtigkeit).

Neben der Rich­tig­keit ist ins­be­son­de­re die Rele­vanz der ver­schie­de­nen Aspek­te eines Ereig­nis­ses ein zen­tra­les Kri­te­ri­um für die Qua­li­tät einer Bericht­erstat­tung. In Stud­lib heißt es dazu:

Rich­tig­keit reicht aller­dings nicht aus, wenn eine Redak­ti­on den Anspruch hat, mög­lichst wirk­lich­keits­nah zu berich­ten. Es muss auch ein Gesamt­bild entstehen.

Pött­ker nennt hier das Bei­spiel eines Fuß­ball­be­rich­tes, in dem zwar alle Anga­ben kor­rekt sind, der aber eine ent­schei­den­de Lücke auf­weist, weil der Autor nur die Tore der Hei­mat­mann­schaft auf­zählt. (vgl. Pött­ker 2000, S. 383)

Nun kön­nen Jour­na­lis­ten die Rea­li­tät an sich zwar nicht voll­stän­dig abbil­den, sie kön­nen aber ver­su­chen, das ‚Wesent­li­che’ oder gesell­schaft­lich Rele­van­te eines Gesche­hens oder Zustan­des zu zei­gen (vgl. ebd.; Arnold 2009, S. 170). Rele­vanz ist des­halb ein jour­na­lis­ti­sches Qua­li­täts­kri­te­ri­um von zen­tra­ler Bedeutung.

(…)

Die inter­ne Rele­vanz kor­re­spon­diert mit der „sach­li­chen Rele­vanz“ bei Arnold und bezieht sich auf die Fra­ge, wel­che Aspek­te eines The­mas für das Ver­ständ­nis der Zusam­men­hän­ge über­haupt als wich­tig ein­zu­stu­fen sind. Dafür kön­nen die Redak­tio­nen die soge­nann­ten W‑Fragen her­an­zie­hen: Wer? Was? Wo? Wann? Wie? War­um? Was folgt dar­aus? Die Metho­de zielt letzt­lich dar­auf, eine mög­lichst gro­ße Voll­stän­dig­keit zu errei­chen. (vgl. ebd., S. 167; Hand­stein 2010, S. 54 u. 193)“

Wür­de man die Kri­te­ri­en Rich­tig­keit und Rele­vanz auf die Ver­an­stal­tung „Auf­stand für Frie­den“ anwen­den, dann käme bei einer kur­zen Zusam­men­fas­sung unge­fähr Fol­gen­des heraus:

Auf der Ver­an­stal­tung „Auf­stand für Frie­den“ am 25. Febru­ar 2023 in Ber­lin warn­ten die Gast­ge­ber Sahra Wagen­knecht und Ali­ce Schwar­zer vor einer Eska­la­ti­on des Krie­ges in der Ukrai­ne und for­der­ten ein Ende bezie­hungs­wei­se eine Ein­schrän­kung der Waf­fen­lie­fe­run­gen in das Kri­sen­ge­biet. Meh­re­re Tau­send Teil­neh­mer waren der Ein­la­dung gefolgt – die Poli­zei sprach von 13.000, die Ver­an­stal­ter von 50.000. Die Kund­ge­bung, auf der neben den bei­den Gast­ge­bern auch der Bri­ga­de­ge­ne­ral a.D. Erich Vad sowie zwei wei­te­re Ver­tre­ter der Frie­dens­be­we­gung rede­ten, wur­de von ungüns­ti­gen Wet­ter­be­din­gun­gen beglei­tet. Sie war zuvor von ein­zel­nen Ver­tre­tern der Regie­rungs- und Oppo­si­ti­ons­par­tei­en kri­ti­siert wor­den. Am Ran­de fan­den klei­ne­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen rechts­extre­men Teil­neh­mern und Ord­nungs­kräf­ten bezie­hungs­wei­se ande­ren Teil­neh­mern statt. Anhän­ger von rechts­extre­men poli­ti­schen Ansich­ten waren im Vor­feld von den Gast­ge­bern aus­drück­lich nicht will­kom­men geheißen.

In die­ser Zusam­men­fas­sung ste­hen die rele­van­tes­ten Aspek­te am Anfang, die weni­ger rele­van­ten am Ende. Der Inhalt ori­en­tiert sich an nach­prüf­ba­ren Ereig­nis­sen und Aussagen.

Was ist Manipulation?

Das Wör­ter­buch der Jour­na­lis­tik defi­niert Mani­pu­la­ti­on wie folgt:

Mani­pu­la­ti­on ist ein ‚bewuss­ter und geziel­ter Ein­fluss auf Men­schen ohne deren Wis­sen und oft gegen deren Wil­len‘ (Duden Fremd­wör­ter­buch), d. h. durch selek­ti­ve und ein­sei­ti­ge Dar­stel­lung wer­den Men­schen zu Schlüs­sen und Hand­lungs­wei­sen bewo­gen, die bei voll­stän­di­ger Infor­ma­ti­on anders aus­ge­fal­len wären (Schmidt­chen 1970: 27). Sie ist ein Spe­zi­al­fall von ‚Per­sua­si­on‘, also der geziel­ten Beein­flus­sung von Men­schen durch Kom­mu­ni­ka­ti­on und Medi­en. Eng damit ver­knüpft ist auch der Begriff ‚Pro­pa­gan­da‘ als Tech­nik der Beein­flus­sung des mensch­li­chen Ver­hal­tens durch den mani­pu­la­ti­ven Gebrauch von Symbolen.“

Eine geziel­te Mani­pu­la­ti­on der öffent­li­chen Mei­nung wird im All­ge­mei­nen mit tota­li­tä­ren Regi­men, bei­spiels­wei­se im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land, in der Sowjet­uni­on oder in der Volks­re­pu­blik Chi­na, in Ver­bin­dung gebracht. Dass es auch aktu­ell in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in den eta­blier­ten öffent­lich-recht­li­chen und pri­va­ten Mas­sen­me­di­en zum bewuss­ten und ziel­ge­rich­te­ten Ein­satz von Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken kommt, wel­che die öffent­li­che Mei­nung ein­sei­tig und wider den Qua­li­täts­kri­te­ri­en des Jour­na­lis­mus beein­flus­sen, ist vie­len Medi­en­kon­su­men­ten ent­we­der nicht gewahr oder wird sogar von ihnen geleug­net. Das ist im Grun­de ein Hin­weis dar­auf, wie gut die Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on funktioniert.

Im Fol­gen­den wird anhand der Erst­be­richt­erstat­tung der ein­fluss­reichs­ten Medi­en in Deutsch­land zu der Ver­an­stal­tung „Auf­stand für Frie­den“ gezeigt, wel­che kon­kre­ten Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken ein­ge­setzt wur­den, um die öffent­li­che Mei­nung zu mani­pu­lie­ren sowie die Kund­ge­bung, deren Gast­ge­ber, Red­ner, Inhal­te und Teil­neh­mer zu diskreditieren.

Ein­satz von Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken in der Erst­be­richt­erstat­tung zur Ver­an­stal­tung „Auf­stand für Frie­den“ in der Tagesschau

Die ers­te Bericht­erstat­tung der Tages­schau zu der Kund­ge­bung fin­det sich in dem Bei­trag „Sie haben Angst vor uns“ des seit 2020 für den MDR täti­gen Jour­na­lis­ten Tho­mas Vor­rey­er. Der Unter­ti­tel lautet:

Nach einer Woche unter­schied­lichs­ter Pro­tes­te ver­sam­meln Wagen­knecht und Schwar­zer Lin­ke und Rech­te in Ber­lin. Doch die Quer­front bleibt aus. Statt­des­sen zielt Wagen­knecht auf Poli­tik und Medien.“

Zunächst ein­mal fällt auf, dass der Autor im Titel und Unter­ti­tel nicht die sach­lich rele­van­tes­ten Aspek­te der Ver­an­stal­tung in den Vor­der­grund stellt, son­dern Rand­the­men. Zudem kann man bereits im Unter­ti­tel min­des­tens drei kon­kre­te Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken identifizieren.

Cher­ry Picking oder selek­ti­ve Wahrnehmung

Es exis­tiert kei­ne Quel­le, aus der her­vor­geht, wel­che poli­ti­sche Gesin­nung der Groß­teil der Teil­neh­mer der Ver­an­stal­tung hat­te. Mit der Aus­sa­ge, Wagen­knecht und Schwar­zer hät­ten Lin­ke und Rech­te in Ber­lin ver­sam­melt, sug­ge­riert der Autor auf­grund der Teil­nah­me ein­zel­ner pro­mi­nen­ter lin­ker und rech­ter Poli­ti­ker jedoch, dass es sich um eine Ver­an­stal­tung mit Teil­neh­mern aus­schließ­lich aus dem lin­ken und rech­ten poli­ti­schen Lager, sprich um eine poli­tisch extre­me Kund­ge­bung, han­del­te. Doch allein deren The­ma sowie die Inhal­te der Reden wider­spre­chen die­ser nicht beleg­ten Behauptung.

Kon­takt­schuld

Im Grun­de ist es für eine Bericht­erstat­tung über eine Frie­dens­ver­an­stal­tung, zu der eine lin­ke Poli­ti­ke­rin und eine femi­nis­ti­sche Publi­zis­tin ein­ge­la­den haben, voll­kom­men irrele­vant, ob sich unter den Besu­chern auch ver­ein­zelt Per­so­nen aus dem rechts­extre­men Milieu oder Poli­ti­ker und Anhän­ger der AfD befan­den. Da es sich um eine prin­zi­pi­ell offe­ne Ver­an­stal­tung han­del­te, hat­ten die Gast­ge­ber kei­nen Ein­fluss dar­auf, wer dar­an teil­nimmt. Bei einer Nach­rich­ten­mel­dung über ein Fuß­ball­spiel oder eine Kar­ne­vals­ver­an­stal­tung wür­de man es auch nicht in den Vor­der­grund stel­len, wenn sich unter den Zuschau­ern ver­ein­zelt Poli­ti­ker und Anhän­ger der AfD oder des rechts­extre­men Milieus befän­den. Höchs­tens am Ran­de wäre dies erwäh­nens­wert, wenn es zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen die­ser Teil­neh­mer mit den Ord­nungs­kräf­ten oder den übri­gen Teil­neh­mern gekom­men ist.

Dass die Teil­nah­me von ver­ein­zel­ten rech­ten Poli­ti­kern und Akti­vis­ten an der Kund­ge­bung „Auf­stand für Frie­den“ vom MDR-Jour­na­lis­ten Tho­mas Vor­rey­er in sei­nem Bei­trag jedoch der­art in den Vor­der­grund gestellt wird, hat einen geziel­ten pro­pa­gan­dis­ti­schen Grund. Um das Ziel­pu­bli­kum des Bei­trags davon zu über­zeu­gen, die Ver­an­stal­tung, ihre Gast­ge­ber, deren Red­ner und Inhal­te abzu­leh­nen, weist der Autor gezielt dar­auf hin, dass die­se bei Grup­pen beliebt sind, die von dem Ziel­pu­bli­kum gehasst, gefürch­tet oder ver­ach­tet wer­den. Die­se Pro­pa­gan­da­tech­nik nennt man Kon­takt­schuld, und ihr Ein­satz in dem Tages­schau-Bei­trag ist ein­deu­tig nach­weis­bar und stellt lei­der kei­ne Aus­nah­me dar.

Ad nau­seam

Ad nau­seam“ bedeu­tet, dass eine Behaup­tung so lan­ge bis zum Erbre­chen wie­der­holt wird, bis sie den Rezi­pi­en­ten als wahr erscheint. Die mit­hil­fe der Pro­pa­gan­da­tech­nik der Kon­takt­schuld kon­stru­ier­te Unter­stel­lung, dass regie­rungs­kri­ti­sche Per­so­nen, Posi­tio­nen und Ver­an­stal­tun­gen grund­sätz­lich gemein­sa­me Sache mit poli­tisch rech­ten Kräf­ten machen, wur­de bereits im Rah­men der Coro­na-Kri­se bis zum Erbre­chen wie­der­holt. Die­se Unter­stel­lung fin­det nun bei den kri­ti­schen Posi­tio­nen gegen die Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung im Rah­men des Krie­ges in der Ukrai­ne ihre Fort­füh­rung, gewinnt jedoch mit der Anzahl der Wie­der­ho­lun­gen nicht an Wahrhaftigkeit.

Im wei­te­ren Ver­lauf des Tages­schau-Bei­tra­ges fin­den sich Bestä­ti­gun­gen für den geziel­ten Ein­satz die­ser drei Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken sowie Hin­wei­se dafür, dass der Autor in dem kur­zen Text noch eine wei­te­re Pro­pa­gan­da­tech­nik ange­wen­det hat.

Eti­ket­tie­rung

Der zwei­te Satz des Unter­ti­tels von Vor­rey­ers Bei­trag lau­tet zwar: „Doch die Quer­front bleibt aus“. Die Vor­sil­be „quer“ wird im wei­te­ren Ver­lauf jedoch acht Mal in den Wor­ten „Quer­front“ und „Quer­den­ken“ ver­wen­det. Damit wird die Ver­an­stal­tung mit den bereits nega­tiv besetz­ten und als dis­kre­di­tie­ren­de Schimpf­wor­te ver­wen­de­ten Begrif­fen „Quer­den­ker“, „Coro­na­leug­ner“ und „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker“ in Ver­bin­dung gebracht. Mit der Ver­wen­dung des Labels „quer“ ist es für den Autor leich­ter, die Ver­an­stal­tung, ihre Gast­ge­ber und Teil­neh­mer zu dif­fa­mie­ren, ohne dass es zu einer recht­li­chen Ver­leum­dung kommt.

Auch die übri­gen ein­fluss­rei­chen Medi­en ver­wen­den in ihrer Bericht­erstat­tung die­sel­ben oder ähn­li­che Propagandatechniken

Die im Tages­schau-Bei­trag nach­ge­wie­se­nen Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken fin­den sich auch in den meis­ten Titeln und Unter­ti­teln der übri­gen Erst­be­richt­erstat­tun­gen der ein­fluss­reichs­ten Medi­en in Deutsch­land wieder.

ZDF: „Tau­sen­de bei umstrit­te­ner Demo — auch die AfD“

Unter­ti­tel: „Ver­hand­lun­gen statt Waf­fen­lie­fe­run­gen: Rund 13.000 Men­schen sind laut Poli­zei dem Demo-Auf­ruf von Sahra Wagen­knecht und Ali­ce Schwar­zer gefolgt. Auch AfD-Poli­ti­ker waren dabei.“

Süd­deut­sche : „Tau­sen­de bei Demo für Ver­hand­lun­gen mit Russland“

Unter­ti­tel: „Die Poli­zei spricht von min­des­tens 13 000 Teil­neh­mern am Bran­den­bur­ger Tor, die Ver­an­stal­te­rin­nen Schwar­zer und Wagen­knecht von 50 000. Mit dabei sind auch etli­che Ver­tre­ter aus der rech­ten Sze­ne. Es kommt zu klei­ne­ren Handgreiflichkeiten.“

Zeit: „Über zehn­tau­send Men­schen demons­trie­ren für Ver­hand­lun­gen mit Russland“

Unter­ti­tel: „Rund 13.000 Men­schen sind dem Demo-Auf­ruf von Ali­ce Schwar­zer und Sahra Wagen­knecht nach Ber­lin gefolgt. Auch Jür­gen Elsäs­ser und vie­le AfD-Mit­glie­der nah­men teil.“

FAZ: „Mehr als 13.000 mar­schie­ren mit Wagen­knecht und Schwarzer“

Unter­ti­tel: „Die Lin­ken-Poli­ti­ke­rin Wagen­knecht sieht den Start­schuss einer ‚neu­en, star­ken Frie­dens­be­we­gung‘. Auch AfD-Poli­ti­ker betei­li­gen sich an der Demons­tra­ti­on in Berlin.“

taz: „Lasst mich bloß in Frieden“

Unter­ti­tel: „Meh­re­re zehn­tau­send Men­schen sind dem Auf­ruf von Schwar­zer und Wagen­knecht gefolgt. Frie­dens­be­weg­te ver­ei­ni­gen sich mit der Querdenken-Szene.“

t‑online: „Rechts­extre­mis­ten bei Wagen­knecht-Demo in Berlin“

Unter­ti­tel: „Sie fol­gen Wagen­knecht und Schwar­zer auf ihrer Mis­si­on gegen Waf­fen für die Ukrai­ne: Unter den Teil­neh­men­den fin­den sich bereits vor Beginn bekann­te Gesichter.“

Welt: „Min­des­tens 10.000 Teil­neh­mer bei Kund­ge­bung in Berlin“

Ein Unter­ti­tel fehlt zwar bei die­sem Bei­trag, doch im wei­te­ren Text ist erkennt­lich, dass auch die Welt Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken wie Cher­ry Picking, Kon­takt­schuld und ad nau­seam ver­wen­det. Das wird allein aus der Tat­sa­che deut­lich, dass über die Teil­nah­me eines rech­ten Akti­vis­ten noch vor dem eigent­li­chen Inhalt der Ver­an­stal­tung berich­tet wird.

Focus: „Tau­sen­de ver­sam­meln sich für Wagen­knech­t/­Schwar­zer-Demo in Berlin“

Unter­ti­tel: „Mit ihrem ‚Mani­fest für Frie­den‘ haben Sahra Wagen­knecht und Ali­ce Schwar­zer für hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen gesorgt. Poli­ti­ker wer­fen ihnen Nai­vi­tät vor. Nun brin­gen die Lin­ken-Poli­ti­ke­rin und die Frau­en­recht­le­rin ihre For­de­run­gen auf die Stra­ße und ern­ten viel Kritik.“

Außer dass sowohl im Titel als auch im Unter­ti­tel und im Text auf die Kri­tik an der Kund­ge­bung fokus­siert wird und nicht auf deren Inhal­te, fin­den sich zunächst kei­ne ein­deu­ti­gen Hin­wei­se auf Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken in dem Bei­trag. Erst mit der letz­ten Zwi­schen­über­schrift „Deut­sche Waf­fen ret­ten Leben. Deut­sche Waf­fen ret­ten Ukrai­ner“, einer Aus­sa­ge des ukrai­ni­schen Bot­schaf­ters Makeiev auf einer tags zuvor statt­ge­fun­de­nen Ver­an­stal­tung, fin­det sich auch in die­sem Bei­trag eine Propagandatechnik.

Neu­sprech

Waf­fen haben noch nie Men­schen­le­ben geret­tet, son­dern wer­den dazu genutzt, poli­ti­sche Inter­es­sen auf dem Schlacht­feld durch den Ein­satz von Gewalt auf Kos­ten von Men­schen­le­ben durch­zu­set­zen. Da die Aus­sa­gen Makeievs im Focus-Arti­kel unre­flek­tiert über­nom­men wur­den, muss man davon aus­ge­hen, dass der Focus die­se Tech­nik zur Beschö­ni­gung des Krie­ges und des Ein­sat­zes von Waf­fen gezielt ein­ge­setzt hat, um sein Ziel­pu­bli­kum zu manipulieren.

Opti­sche Dar­stel­lung der Kon­takt­schuld und Fake News im Spiegel

Beson­ders auf­fäl­lig ist die Anwen­dung von Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken in der Bericht­erstat­tung des Spie­gels – dem im Online-Bereich ein­fluss­reichs­ten deut­schen Leit­me­di­um. Bereits die opti­sche Nähe der Bericht­erstat­tung zur Ver­an­stal­tung „Auf­ste­hen für Frie­den“ mit dem Titel „Wer zur Wagen­knech­t/­Schwar­zer-Kund­ge­bung gekom­men ist – und was gesagt wur­de“ zu dem inhalt­lich nicht in Ver­bin­dung ste­hen­den Bei­trag „Björn Höcke lädt Sahra Wagen­knecht in die AfD ein“ auf der Start­sei­te des Medi­ums vom 25. Febru­ar 2023 macht deut­lich, dass die Redak­ti­on gezielt die Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken Kon­takt­schuld und ad nau­seam anwendet.

Im Unter­ti­tel des Bei­trags zu der Kund­ge­bung des Autors Mit­suo Iwa­mo­to fin­den sich neben den bereits ange­spro­che­nen Tech­ni­ken zur Mani­pu­la­ti­on der öffent­li­chen Mei­nung noch eine weitere:

Die Poli­zei spricht von etwa 13.000 Men­schen am Bran­den­bur­ger Tor bei der Kund­ge­bung ‚Auf­stand für den Frie­den‘. Die Ver­an­stal­tung ist umstrit­ten, weil sie sich nicht von rechts außen abgrenzt. So lief die Kundgebung.“

Fake News

Die Gast­ge­be­rin Sahra Wagen­knecht hat sich nach­weis­lich nicht nur wäh­rend der Kund­ge­bung, son­dern auch in deren Vor­feld aus­drück­lich gegen die Teil­nah­me von Reichs­bür­gern und Neo­na­zis aus­ge­spro­chen. Die Behaup­tung, die Ver­an­stal­tung sei umstrit­ten, weil sie sich nicht von rechts außen abgrenzt hät­te, ent­spricht damit einer Fake News, also einer feh­ler­haf­ten oder mani­pu­lier­ten Infor­ma­tio­nen, die absicht­lich ver­brei­tet wird, um das Ziel­pu­bli­kum irrezuführen.

Zusam­men­fas­sung

Poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, ob sie im Bun­des­tag oder außer­par­la­men­ta­risch statt­fin­den, sind voll von rhe­to­ri­schen Stil­mit­teln, Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken und Mani­pu­la­tio­nen, um die Bevöl­ke­rung von der jeweils eige­nen Posi­ti­on zu über­zeu­gen. Von qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gem Jour­na­lis­mus ist jedoch zu erwar­ten, dass er die­se Metho­den zur ein­sei­ti­gen Beein­flus­sung auf­deckt und mög­lichst objek­tiv, neu­tral und den ethi­schen Grund­sät­zen des Jour­na­lis­mus ent­spre­chend über rele­van­te poli­ti­sche Ereig­nis­se berich­tet. Statt­des­sen kann man – wie in die­sem Bei­trag gesche­hen – anhand der Ana­ly­se kon­kre­ter Bei­trä­ge nach­wei­sen, dass die ein­sei­ti­ge Mani­pu­la­ti­on in der Bericht­erstat­tung der ein­fluss­reichs­ten Medi­en in Deutsch­land unter dem geziel­ten Ein­satz von Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken eine Fort­füh­rung findet.

Die größ­ten­teils in Inhalt und Tenor über­ein­stim­men­den Nach­rich­ten­mel­dun­gen sämt­li­cher ein­fluss­rei­chen Medi­en erzeu­gen zudem eine schein­ba­re inter­sub­jek­ti­ve Nach­voll­zieh­bar­keit für den Rezi­pi­en­ten. Dies ist beson­ders tra­gisch, da so der Ein­druck ent­steht, als wären die mit­hil­fe von Pro­pa­gan­da­tech­ni­ken kon­stru­ier­ten Behaup­tun­gen in ihrem Wahr­heits­ge­halt durch die Beob­ach­tung ande­rer Jour­na­lis­ten gedeckt.


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